„60 plus“ – Jetzt geht’s erst richtig los!

Als mir Ende Juli 2018 die August-Nummer der Stadtzeitung „Innsbruck informiert“ ins Haus flatterte, fand ich auf Seite 24 – 27 die Beiträge der  zehn Innsbrucker Gemeinderats-Fraktionen zum  Thema

„Senioren in Innsbruck – hochaktuelle Zukunftsaufgabe“.

Da ich gerade einmal stolze 60 Lenze zählte und seit acht Monaten in Pension war las ich neugierig was unsere StadtpolitikerInnen dazu zu sagen hatten. Mir fiel einerseits ein großes Bemühen auf, die Situation der „60+“-Jährigen in Innsbruck positiv zu gestalten. Es gab sehr viele konstruktive Vorschläge, vor allem um „Senioren“ auch in Zukunft optimal mit Bildung, Kultur, Bewegung, altersgemäßem Wohnen, Gesundheit und Pflege zu versorgen.  Auch die kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe sollte gesichert werden. Das war einerseits  wunderbar.  Andrerseits war das aber  ein sehr defizitzentrierter Ansatz, der grundsätzlich davon ausging, dass sich ein Mensch jenseits des 60. Geburtstages bzw. jenseits des Pensionsantritts schlgartig  von einem Pontentialträger zu einem Defizitwesen verwandelt, weshalb die besonders großen Herausforderungen der Altersarmut, der Vereinsamung, der Pflege und auch der Betreuung mehrfach betont wurden. Und eine Gruppe brachte es auf den Punkte. „Ältere Menschen werden meist als eine Last begriffen“ (ali – alternative liste innsbruck, „Das Alter als Meisterstück des eigenen Lebens“, Innsbruck informiert, August 2018, S. 27)

Ist das wirklich so???? Es stimmt, Altersarmut ist ein großes Problem – besonders für die Betroffenen! – gleich wie das  allmählich Nachlassen verschiedener Fähigkeiten und Funktionen sowie dass man langsam und allmählich bei bestimmten Dingen Hilfe braucht. Das ist nicht so einfach wegzustecken und kratzt am Selbstwertgefühl. Doch all das passiert nicht von heute auf morgen und es ist auch nicht so, dass der/die Einzelne dem völlig machtlos, passiv und apathisch entgegensehen muss. Außerdem wurden hier die gesamten Altersgruppen des Spektrums „60+“ völlig  undifferenziert zum immer größer werdenden Zukunftsproblem für unsere Gesellschaft erklärt. Ausgerechnet Gemeinderat Mag. Reinhold Falch vom Tiroler Seniorenbund sprach in seinem Beitrag  („Zukunftsorientierte Seniorenpolitik“) davon, dass schon „derzeit über 30.000 Senioren bzw. Menschen, die 60 Jahre und älter sind“, in Innsbruck leben  „- Tendenz steigend“!!!

Dabei ist aber gerade dieser Gemeinderat persönlich ein gutes Beispiel dafür, dass man selbst mit 70 Jahren noch keinesfalls eine Bürde für die Gesellschaft sein muss und somit die Hände passiv auf Hilfe wartend in den Schoß legen muss.  Ganz im Gegenteil! Der ehemalige Innsbrucker Flughafendirektor ging am 31. März 2014 in Pension und kandidierte vier Jahre später als Spitzenkandidat der Liste des Tiroler Seniorenbundes für die Gemeinderatswahl am 22. April 2018 und konnte das bisherige Mandat halten. Sein Vorgänger Helmut Kritzinger, war sogar mit fast 90 Jahren noch Gemeinderat gewesen.

Hier tritt also ein Widerspruch zutage: Längst nicht alle Menschen sind nach dem 60. Geburtstag der ständigen Pflege und Animationen bedürftig. Andrerseits brauchen auch schon jüngere Pflege. So sind allein in Tirol 200 Menschen „junge Pflegebedürftige“ unter 60 in Pflegeheimen untergebracht, in die durchschnittlich  aber  Menschen jenseits der 80 eingewiesen werden. Dass diese Jungen in diesen Pflegeheimen nicht altersgemäß betreut werden können, sollte sich laut der Tiroler Landtagsabgeordneten Andrea Haselwanter-Schneider  von der Liste Fritz umgehend ändern.  Aber wie groß ist denn nun die Gruppe der Menschen in Heimen denn eigentlich? Und wie groß ist die Gruppe der „60+“-TirolerInnen insgesamt?

Mit dem Stand 31. 12. 2018 waren 23,4 % der 175.473 TirolerInnen „60+“. Davon sind die 5.800 Heimbewohner über 60 gerade einmal 3 %. Gemessen an der Gesamtbe­völkerung sind die Heimbewohner über 60 nur 1 %. Dieser Rechnung nach sind also weniger als 1% der Tiroler Bevölkerung über 60 Jahre in einem Heim untergebracht, mehr als 22% leben noch zuhause. Sicherlich werden einige von ihnen betreut und eventuell auch gepflegt. Aber man kann mit Sicherheit  davon ausgehen, dass der überwiegende Teil der 60+-Bevölkerung noch mehr oder weniger aktiv ist, und so noch keine Belastung für die Gesamtgesellschaft darstellt. Warum wird dann dieses falsche, defizitorientierte Bild von den Gemeinderäten heraufbeschworen? Und noch interessanter ist die Frage: Was machen denn eigentlich Menschen über 60? Wieviele arbeiten noch und was machen die, die bereits in Pension sind?

Dr. Leopold Stieger beschreibt in seinem Buch „Freitätigkeit – Zwischen Beruf und Ruhestand“ (Wien 2017), dass die Menschen, die heute über 60 sind, eine neue, und scheinbar auch vielen Politikern und Medienmenschen noch unbekannte Lebensphase „geschenkt bekommen“ hätten, nämlich die „Freitätigkeit“.  In den folgenden Kapiteln soll nun dieses Konzept der „Freitätigkeit“ vorgestellt, und danach sollte untersucht werden, wie vielfältig die Altersgruppe der 60+Jährigen eigentlich ist und welche Formen der „Freitätigkeit“ sie ausüben, bevor sie letztendlich zur „hochaktuellen Zukunftsfrage“ für die Gesamtgesellschaft werden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s